Tron: Catalyst - Review
Das Top-Down-Adventure bietet solide Action, aber zu wenig Entscheidungsfreiheit.
Das Tron-Franchise hat die aktuelle Diskussion über künstliche Intelligenz ein Stück weit vorweggenommen. In den Filmen und Spielen der Disney-Marke ging es schon immer auch darum, was passiert, wenn Software einen eigenen Willen entwickelt und sich selbstständig macht. Die Menschen, die sich in die Cyberwelten von Tron wagen, werden mit teils aufmüpfigen und feindseligen Programmen konfrontiert – die sogar versuchen, ihren Einfluss auf die physische Welt auszudehnen. Im Film Tron von 1982 wird der Hacker Kevin Flynn per Laser digitalisiert und in eine virtuelle Welt hineingezogen, das sogenannte Grid. Um von dort zu entkommen und das böse Master-Kontroll-Programm zu besiegen, arbeitet Flynn mit Sicherheitsprogrammen wie dem namensgebenden Tron zusammen. Die computergenerierten Welten des Films waren für die damalige Zeit geradezu revolutionär, wirken heute aber rührend altbacken. Mit Jeff Bridges als Kevin Flynn legte der Hollywoodstreifen jedenfalls den Grundstein für ein Franchise, das auch heute noch gedeiht und expandiert. Am 10. Oktober 2025 Jahres soll mit Tron: Ares der mittlerweile dritte Film (nach Tron und Tron: Legacy von 2010) in die Kinos kommen. Tron-Fans können sich zudem mit Romanen, Comics, Fernsehserien und Soundtracks (Daft Punk!) eindecken, die über die Jahrzehnte hinweg erschienen sind.
Gladiatorenkämpfe auf dem Grid
Auch Games gibt es im Tron-Franchise mittlerweile einige: Darunter ist etwa das Tie-in zum ersten Film – ein klassisches Arcade-Game – aber auch ein Shooter, ein Action-Adventure und ein Endless Runner. Die Games lassen sich leicht an das Franchise andocken, weil Tron ja selbst vom Computerspiel-Boom der achtziger Jahre inspiriert wurde: Kevin Flynn ist vor allem deshalb zum Hacker geworden, weil ein Tunichtgut-Kollege die von ihm entwickelten Computerspiele (wie etwa Space Paranoids) für sich verbucht und Flynn aus der Firma Encom hat werfen lassen. Games sind auch feste Bestandteile der Cyberwelt von Tron: Dort finden ständig Gladiatorenkämpfe statt, um unliebsame Programme auszusortieren. In den Arenen werfen die Kämpfer rasiermesserscharfe Discs und schneiden sich auf Light Cycles den Weg ab. Diese Zutaten dürfen natürlich auch in den Games nicht fehlen, die Disney im Laufe der Jahre lizenzierte. Mit Tron: Catalyst geht nun ein weiteres Game aus der Reihe an den Start. Kann es Tron-Fans und -Neulinge gleichermaßen beglücken?
Entwickler von Tron: Catalyst (PC, Konsolen, 25 Euro) ist die Firma Bithell Games. Deren Chef Mike Bithell hat sich zunächst mit Indie-Games wie Thomas Was Alone (2012) und Volume (2015) einen Namen gemacht, ehe er sich auch - mit allerdings mäßigem Erfolg - an Franchises wie John Wick wagte. 2023 erschien das von Bithell Games entwickelte Spiel Tron: Identity, eine kompakte Visual Novel mit Rätselbestandteilen. Tron: Catalyst baut auf die Handlung von Identity auf, lässt sich aber auch ohne Vorkenntnisse spielen. Hauptfigur ist das Computerprogramm Exo, das in der Cyberwelt Arq Grid als Kurierfahrerin arbeitet. Exo besitzt eine besondere Fähigkeit, die sie auch für die konkurrierenden Fraktionen des Arq interessant macht: Sie kann durch die Zeit reisen. Seitdem sie einer Daten-Anomalie ausgesetzt war, kann sie den sogenannten "glitch catalyst" nutzen, um Geschehenes zurückzuspulen – genauer gesagt den Loop, in dem die Cyberwelt beständig läuft. Der Vorteil: Exo behält dabei alle Skills, Gegenstände und Infos, die ihr zwischenzeitlich für sie freigeschaltet hattet. Ihre Gesundheit wird vollständig wiederhergestellt und diverse Nachteile – zum Beispiel Fahndungslevel – gelöscht. Hat ihr den Loop (mit langem Druck auf die R3-Taste) zurückgesetzt, spielt ihr die gerade erlebten Geschehnisse erneut durch. Wobei ihr sie dann variieren könnt – etwa, indem ihr andere Dialogoptionen wählt.
Machtkampf der Fraktionen
Im Lauf des zehn- bis zwölfstündigen Abenteuers wird Exo immer tiefer in den Machtkampf zweier Parteien hineingezogen: Auf der einen Seite stehen die Core, die mit Restriktionen und Überwachung um jeden Preis die Ordnung im Grid wahren wollen; auf der anderen Seite die freiheitsliebenden Automata.
Kleiner Exkurs für Fans der Tron-Lore:
Die Automata sind Isomorphic Algorithms aka ISOs, eine neue Art von Programm, das seinerzeit quasi aus dem Nichts auf dem Grid auftauchte und von Kevin Flynn als Wunder angesehen wurde, das es um jeden Preis zu bewahren gilt. Siehe den Film Tron: Legacy. Die Automata pochen auf Selbstständigkeit, auch von den menschlichen Usern des Grid und von dessen Entwicklern.
Der Machtkampf von Core und Automata ist auch deshalb brisant, weil der Arq Grid offenbar vor dem Zusammenbruch steht: Ein Server-Absturz würde die gesamte Cyberwelt vernichten. Es gibt eine mysteriöse Rebellengruppe, die Exo ein Sprengstoffpaket unterjubelt und dadurch überhaupt erst in die Bredouille bringt. Später wird Exo unter anderem vom machthungrigen Core-Programm Conn instrumentalisiert und übernimmt Spionageaufgaben für die Automata. Dabei gerät sie immer tiefer in einen Verschwörungsstrudel ...

Das alles klingt jetzt erst mal sehr vielversprechend. Tron: Catalyst gelingt es gut, das Interesse am Grundkonflikt zu wecken. Auch die ersten Kämpfe mit der Identity Disc und dem Light Cycle lassen nicht lange auf sich warten, als Exo zu den Gladiatorenprogrammen strafversetzt wird. Dank eines Insider-Tipps gelingt ihr der Ausbruch aus der Kampfarena - und von nun an setzt sie alles daran, den Hintergründen des Machtkampfs und der Bedrohung des Arq Grid auf die Spur zu kommen. Leider schafft es Tron: Catalyst nicht, die Spannung dauerhaft aufrechtzuerhalten, denn dafür läuft das Gameplay allzu routiniert ab. Auch der Spielwelt fehlt es an Individualität und Überraschungen, um auf Dauer interessant zu bleiben. Kurz gesagt: Tron: Catalyst hat großes Potenzial, das es aber leider nicht annähernd abruft.
Bumerangs und Data Shards
Bithell Games hat für das Spiel die isometrische Perspektive gewählt: Aus der Draufsicht steuert man Exo durch die düster-neongetränkten Gegenden des Grid. Immer wieder trifft unsere Heldin dabei auf feindlich gesonnene Core-Schergen, die es ordentlich zu vermöbeln gilt. Tron: Legacy ist ein einigermaßen konventionelles Hack'n'Slash, das allerdings statt der üblichen Fantasy-Waffen (Schwerter und Co.) auf ein zünftiges Sci-Fi-Waffenarsenal setzt. Ihre Identity Disc - die Scheibe, auf der auch ihre persönliche Daten gespeichert sind - kann Exo ihre Gegner aus der Ferne attackieren. Wie ein Bumerang fliegt die Scheibe nach getaner Zerstörungsarbeit wieder zurück. Außerdem kann Exo im Nahkampf Disc-Slashes austeilen, Attacken parieren oder ihnen rollend ausweichen - Standard-Melee eben. Mit der Zeit erweitert sich das Waffenarsenal um Handgranaten, Cyber-Lassos und andere Gerätschaften, die sich teils auch upgraden lassen. Exo sammelt unterwegs Erfahrungspunkte ("data shards"), die sie beispielsweise in zerstörbaren Kisten findet. Mit diesen XP kann sie ihre Fähigkeiten immer weiter ausbauen: Die Disc springt dann etwa zwischen mehreren Gegnern hin- und her oder wir können sie per gut koordiniertem Schlag direkt nach der Rückkehr erneut in die Feindesgruppen feuern.
Die Kämpfe sind geschmeidig animiert, allerdings selbst auf mittlerer Schwierigkeitsstufe eher anspruchsarm. Brenzlig wird es eigentlich nur dann, wenn viele Gegner (Soldaten, schwere Guards mit Kampfhämmern, Aufseher mit Discs etc.) geballt in engen Räumen zusammenkommen. Meistens kommt man ganz gut durch diese Scharmützel, indem man genügend Abstand hält und bestimmte "Problemgegner" gezielt per Tag-Funktion aufs Korn nimmt. Die coolen Leuchtmotorräder aka Light Cycles kommen in Tron: Catalyst leider zu wenig in den eigentlichen Kämpfen zum Einsatz: Meist dienen sie dazu, in der Stadt von Punkt A nach Punkt B zu düsen. Das fühlt sich auch grundsätzlich sehr gut an - allerdings würde man sich den häufigeren Einsatz großer Areale statt enger Straßen wünschen. Eben genau solche Freeroaming-Action, wie sie der Film Tron: Legacy so gekonnt zelebrierte.

Schlauchartige Missionen
Stichwort Bewegungsfreiheit: Tron: Catalyst bietet zwar eine an sich offene Spielwelt. Doch die Missionen, die wir erhalten, sind fast durchweg schlauchartig. Mal geht es darum, im Core-Hauptquartier einen Gefangenen zu befragen, mal darum, im Konsulat der Automata eine Info abzuliefern. Das Ziel der nächsten Mission wird immer per Pfeil angezeigt - man muss sich also kaum selbst orientieren, sondern kann einfach der vorgegebenen Richtung folgen. Die verschiedenen Bauten des Spiels sind zwar in sich einigermaßen verschachtelt und mit ihren geschwungenen Korridoren, Rampen und dezent beleuchteten Räumen auch sehr stimmungsvoll. Allerdings wirkt alles auch ziemlich generisch und austauschbar: Es gibt kaum Eyecatcher, an die man sich erinnern würde, während man eifrig Treppen steigt, Aufzug fährt und Gegner slasht.

Verschenkt hat Tron: Catalyst sein Potenzial auch beim Storytelling. Die Dialoge der Hauptfiguren sind durchaus gut geschrieben und vertont; man klickt sich durch die Gespräche und kann teilweise auch aus mehreren Antworten wählen. Die Figuren sind schön gezeichnet, die Comic-Ästhetik passt gut zum Spiel … doch gelingt Tron: Catalyst nicht wirklich eine tiefere Charakterzeichnung. Die zahlreichen Dialoge mit Nebenfiguren sind fast durchweg uninteressant und gehen kaum über ein paar hingeworfene Belanglosigkeiten hinaus; hier klickt man sich irgendwann nur noch schnell durch, um in der Handlung weiterzukommen. Unterschiedliche Konsequenzen hat die Wahl der Antworten nicht. Der Plot verläuft so schlauchartig wie die Missionen.
Langweiliger Loop
Das meiste Potenzial hat Tron: Catalyst bei der Loop-Mechanik verschenkt. Es gibt genügend Spiele, die ihre Zeitschleifenmechanik gekonnt nutzen und dadurch jede Menge Spannung ins Spiel bringen, ob das nun ein Braid, ein Deathloop oder ein Life is Strange ist. Tron: Catalyst hätte die Mechanik nutzen können, um Kopfnüsse ins Spiel einzubauen: Etwa so, dass man die Zeit so lange manipuliert, bis verschiedene Akteure aufeinandertreffen oder genügend Infos beisammen sind, um ein bestimmtes Logikrätsel zu lösen. Leider dient der Loop aber vor allem als Reset, wenn man sich festgefahren hat. Das Spiel signalisiert, wenn es nicht mehr ohne Rückspulen weitergeht und man hat dann auch keine Wahl mehr.
Fazit
Fans der Tron-Reihe dürfte das Spiel durchaus einiges bieten: Es ist vollgepackt mit Lore und Querverweisen auf das Franchise. Tron-Neulinge und allgemein an Hack'n'Slash Interessierte finden ein solides Abenteuer vor, das aber kaum bleibenden Eindruck hinterlässt: Die Kämpfe wiederholen sich zu sehr, die Dialoge haben keine wirklichen Konsequenzen, die Welt ist offen, die Missionen aber schlauchartig. Pluspunkte sind die an sich coole Atmosphäre und die Geschichte, die sich zwischen den Fraktionen entspinnt. Tron: Catalyst verschenkt viele Möglichkeiten, bietet aber zumindest für zwei bis drei Spieleabende solide Unterhaltung. Und macht Neugier auf ein an sich gut gealtertes Franchise.



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